Skip navigation

Verschwörungstheorien will und werde ich hier nicht entwerfen, doch bei der Zusammenstellung der Themen der letzten Tage, wozu ich hier in meinem Blog doch auch mal etwas schreiben wollte, fällt schon auf, daß es eine klare Tendenz dahingehend gibt, daß etwas von außerhalb gegen unseren Verein kommt und die Betrachtung der Reaktion von Vereinsführung und Fanszene das spannende Thema darstellt. Nun ist es im Fußball nicht gerade ungewöhnlich, daß man eben gegen eine andere Mannschaft um die Punkte spielt, insofern hinkt diese Betrachtungsweise schon gleich zu Beginn enorm, doch das Auswärtsspiel in München will ich natürlich nicht unterschlagen – aber eben auch die bevorstehenden Spiele sowie die anstehenden Auseinandersetzungen mit dem DFB und der Polizei thematisieren. Also los.

Das 1:1 gegen 1860 will ich nur ganz kurz behandeln. Die extremste Kurzform würde wohl lauten: „BRUUUUUUUUNS!“ und „FUUUUUUUUNK!“ – wobei der erste Ruf enthusiastische Freude und der andere eben eher ungläubiges Entsetzen zum Ausdruck bringen sollte. Beides erklang, sicherlich nicht nur in der Kneipe, wo ich saß, sondern dergestalt an vielen Orten und auch im Stadion in München, aus den Kehlen der FCSP-affinen Zuschauer und Fans. Der gelungene Elfmeter brachte uns die Führung, die eben fast zu einem gar nicht mal so unverdienten Sieg, so jedenfalls mein Eindruck, gereicht hätte, die jedoch durch den Sekundenschlaf unseres ansonsten sehr gut spielenden defensiven Mittelfeldspielers nahezu in letzter Minute zu einem endgültigen Unentschieden umgewandelt wurde. Niemand wird sich über dieses Gegentor mehr ärgern als der Vorgenannte Spieler, aber ich bin sicher, daß er aufgrund seiner Leistung bald wieder ganz andere Schlagzeilen machen wird. Kopf hoch! Und weiter gehts.

Weiteres zu diesem Spiel gibt es zwar nicht hier, aber eben woanders zum nachlesen: http://stpauli.nu/germany-bundesliga/im-hellblauen-gummiboot, http://metalust.wordpress.com/2012/03/06/leichtbier-lachsfarbene-saccos-und-legerer-einheitslook-tsv-munchen-1860-fc-st-pauli-11/ und http://www.magischerfc.de/wordpress/?p=6142 berichten aus erster Hand und damit so, wie es sein sollte. Der Fernsehbildschirm ersetzt halt niemals ein echtes Dabeisein.

Womit ich auch schon zu meinem nächsten Thema übergehen möchte, nämlich dem lobenswerten Vorgehen unseres Vereines gegen die ausgesprochene Teilsperrung der Stehplätze, namentlich der Nord und der Süd, wegen des fahrlässigen Wurfes der Kassenrolle auf das Spielfeld (die ja nur eine Konfetti-Luftschlange werden sollte, wie sogar der DFB festgestellt hatte). Wenn man die immer härtere Gangart des DFB gegen jedes Fehlverhalten, selbst fahrlässiger Natur, auf Fanseite sich anschaut, dann kann man erahnen, wo die Reise hingehen soll und es wird einem noch einmal mehr schlecht – hat doch diese Strategie gegen die Fußballfans in den Stadien Nachteile für alle und nicht nur für uns bei diesem einen Vorfall. Warum das Urteil nicht akzeptiert werden kann, ist hier ja ausführlich nachzulesen: https://kleinertod.wordpress.com/2012/02/28/vollig-von-der-rolle-fcsp-und-die-nullnummer-daheim-gegen-braunschweig-sowie-das-dfb-versagen/ – und unter http://www.fcstpauli.com/magazin/artikel.php?artikel=10879&type=&menuid=57&topmenu=112 kann man die kurze Stellungnahme des Vereins nochmal nachlesen. Wie absurd diese Strafe ist, wird im Vergleich zum Vorfall in Nürnberg deutlich – siehe http://www.dfb.de/index.php?id=500014&tx_dfbnews_pi1[showUid]=31752&tx_dfbnews_pi1[sword]=N%FCrnberg&tx_dfbnews_pi4[cat]=145 – wo etwa 150 Nürnberger Fans in den Innenraum eingedrungen und Richtung des Gästefanblocks gestürmt sind und zwar nicht gerade in der friedlichen Absicht, dort einmal Hallo zu sagen… Für dieses krasse vorsätzliche Fehlverhalten einer großen Zahl von Fans wurde nur eine Geldstrafe ausgesprochen und im Wiederholensfalle ein Teilausschluß angedroht, bei uns wird die härtere Strafe für eine fahrlässige Einzeltat verhängt – das ist Willkür pur. Für den DFB zählt nur, ob es irgendwie als Wiederholungstat einzuordnen ist, die eigentlichen Taten an sich zählen dann wohl gar nicht mehr bei der Strafzumessung. So etwas ist einfach nicht hinnehmbar.

Lobenswert ist auch das Vorgehen der Vereinsführung gegen die Verordnung der Polizei von Hamburg, keinerlei Karten an die Gästefans von Hansa Rostock zu vergeben – http://www.fcstpauli.com/magazin/artikel.php?artikel=10927&type=&menuid=57&topmenu=112 – hier wird eine gerichtliche Überprüfung angestrengt, was ich in jeder Hinsicht begrüße. Nicht, weil ich ausgerechnet diese Gästefans bei uns sehen möchte, sondern eben aus dem Grunde, weil dieser polizeiliche Eingriff in den Ligabetrieb ein beispielloser Vorgang ist und keine Schule machen darf – ansonsten wird bald außer Hoffenheim und ähnlicher Vereine gar kein Gästekontigent mehr verkauft werden können und wir erleben nur noch sterile Leere in den Stadien.

Letztlich ist das vielleicht sogar von Polizei und DFB sogar auf Dauer gewollt, wenn man sich die Äußerungen des neu „gewählten“ Präsidenten so genau anschaut – sehr gut seziert bei Jekylla unter http://santapauli.wordpress.com/2012/03/07/der-neue-dfb-prasident-heisst-putin/ – hier wird leider deutlich, daß der DFB zur optimalen Vermarktung im Fernsehen die Stadien irgendwann so wie in England gestalten möchte, also als reine Sitzplatzarenen voller Marketingmöglichkeiten und ohne echte Fußballfans – deren Vorstellung von „familienfreundlich“ halt. Daß das „Böse“ nicht von den Stehplätzen ausgeht, Ultra nicht mit Hooligans gleichzusetzen (oder gar etwas schlimmeres) sind, Straftatenstatistiken nicht allein in eine Richtung (mehr Straftaten = alles wird schlimmer) aussagekräftig sind (mehr Straftaten = mehr Handlungen werden als Straftaten rigoros verfolgt, die früher übersehen wurden – man denke nur an die unzähligen Banenenwürfe der Vergangenheit gegen Kahn, so idiotisch diese auch waren, heute würde da wahrscheinlich ein Aufschrei durch die Presse gehen, damals wurde das als amüsant abgetan – die Zeiten ändern sich eben) – und noch vieles mehr wird dort einfach nicht begriffen. Fußball gehört nicht den Vereinen und dem DFB, es handelt sich um ein gesellschaftliches Ereignis, welches eben auch den Fans gehört und nicht ohne deren Einverständnis zugunsten der wirtschaftlichen Interessen von wenigen umgestaltet werden darf. Was zu Bundeliga im fei empfangbaren Fernsehen geäußert wurde, siehe http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,563670,00.html, gilt ja nicht nur für das Fernsehen, sondern eben auch für das Erlebnis Fußball an sich – mit reinen Sitzplatzarenen hätte man das gleiche wie beim Pay-TV, nämlich eine Beschränkung der Ligen auf zahlungskräftige Kundschaft. Dies ist nicht im Interesse des Fußballs. Aber ob das DIESER Präsident und der DFB an sich jemals einsehen werden, darf bezweifelt werden. Da wird es unsere Aufgabe sein, deutlich Position zu beziehen und falsche Entwicklungen anzugreifen sowie nach Möglichkeit gegenzusteuern.

Daß der Blick nach England nicht allein negativ im Fußball ausfallen muß, bezeugt übrigens das großartige Buch von Moritz Volz, welches ich ausdrücklich empfehlen möchte. „Unser Mann in London“ – http://www.fcstpauli.com/magazin/artikel.php?artikel=10864&type=&menuid=57&topmenu=112 – ist so ungeheuer amüsant und spannend geschrieben, daß man es gar nicht mehr aus der Hand legen mag. Wer Volzy nicht schon bei uns ins Herz geschlossen hat, wird es spätestens nach dieser Lektüre tun. Einfach nur klasse! Ebenso seine Leistung auf dem Platz. Nach dem unglücklichen ersten Jahr hat er sich bei uns verdientermaßen in die Stammelf gespielt und ich würde es mir wünschen, wenn wir ihn noch sehr, sehr lange bei uns behalten würden.

Nachtrag: Lesenswertes zum Thema Polizeiverfügung an den FCSP wegen HRO gibt es unter http://blog.uebersteiger.de/2012/03/08/keine-gastetickets-fur-hansa-rostock/ und http://www.magischerfc.de/wordpress/?p=6148 sowie http://santapauli.wordpress.com/2012/03/09/apfel-birnen-obstsalat-das-fcsp-hansa-rostock-problem-damals-und-heute/ mit der etwas anderen Gewichtung der Vorgeschichte unter Littmann. Fakt ist jedenfalls, daß HEUTE eine solche polizeiliche Verfügung in der Welt ist und das der juristische Kampf dagegen gut und richtig ist – ob damals der gleiche Weg hätte gegangen werden sollen, ist eine andere Frage. Lobenswert ist in jedem Fall das Verhalten unseres aktuellen Präsidiums in der letzten Zeit.

Weiterer Nachtrag: http://www.publikative.org/2012/03/11/ultras-wer-mit-dem-feuer-spielt/ macht deutlich, welche Gefahr im Vorgehen der Polizei und der Gesellschaft gegen Fans und Ultra aller Vereine ausgeht. LESEN!

14 Comments

  1. Wie immer ein sehr guter Artikel. Es sieht leider wirklich so aus, dass ,im Hinblick auf Vergehen im Stadion (wobei man bei dem Kassenrollenwurf ja eher von einem Versehen sprechen kann), mit zweierlei Maß gemessen wird und das geht natürlich gar nicht. Hoffentlich wird sich das nicht noch mehr ausweiten.

    XXX

    Bunny

    • Lieben Dank für das feedback. =^.^=

      Die Ausweitung ist leider mit dem Beispiel der Verbotsverfügung der Polizei schon da – hier kann man ja leider wirklich eine Anti-Fan-Entwicklung ausmachen, die eher an Fahrt zunehmen als sich abschwächen wird, wenn man die Zeichen der Zeit richtig deutet. Diese Entwicklung gilt es durch deutliche Worte, Überzeugungsarbeit und Protest irgendwie aufzuhalten und umzukehren – wozu auch juristische Schritte wie das Vorgehen gegen überzogene Strafen oder eben Verbotsverfügungen gehört. Diese Mischung aus Polizeistaat und Marketingspielwiese darf nicht zum endgültigen Fußballbild werden.

  2. Danke, ich sehe, Sie haben verstanden, dass es mir um Differenzierung geht und um HEUTE. Die Mischung von damals und heute ist zu explosiv, als dass sie zielführend wäre. Eine Loslösung und Konzentration auf HEUTE ist wichtig.

    • Der Blick auf die Vergangenheit ist bei diesem aktuellen Fall auch wenig zielführend und verstärkt eher die Grabenkämpfe. Richtig ist sicher, daß, wenn damals anders entschieden worden wäre, das Problem heute vielleicht nicht mehr oder aber in einer anderen Form bestehen würde – aber dieses was-wäre-wenn-Spielchen bringt uns jetzt nicht weiter.

      Für Fanrechte einstehen ist eine Frage der Überzeugung hinsichtlich der Fanrechte selber, nicht der damit verbundenen Personengruppe. Deswegen ist der Kampf auch mit juristischen Mitteln wichtig – ganz unabhängig davon, was einmal war oder um wen es dabei aktuell geht, denn insgesamt geht es um alle und die Zukunft des Fußballs in Deutschland.

  3. Ich finde es immer etwas absurd, die Frage nach „Fanrechten“ unabhängig von jenen, die Menschen im Allgemeinen von wem jeweils warum zugestanden oder aberkannt werden, zu diskutieren – damals wie heute 😉 …

    • Sehe keine Absurdität in der Diskussion um Fanrechte, denn diese müssen nicht extra zugestanden oder anerkannt/aberkannt werden. Hier geht es um die gesellschaftliche Teilhabe am Fußball an sich. Das Vereinnahmen durch wirtschaftliche oder politische Interessen gehört von Fanseite aus bekämpft, um nicht den eigenen Anteil zu verlieren. Fußball ist nicht einfach ein Spiel zweier Mannschaften mit einem Ball auf zwei Tore, es genießt eine gesellschaftliche Relevanz, die weit darüber hinausgeht. Dazu braucht es keine niedergeschriebenen Gesetze oder andere offizielle Segnungen. Es braucht aber den Willen, sich nicht den eigenen Anteil fortnehmen zu lassen.

      Daß es darüberhinaus auch Rechte gibt, die juristisch (in Verfassungen, Gesetzen oder Urteilen) niedergeschrieben wurden und unabhängig vom Fußball für jeden Menschen, auch den Fan, gelten, ist ja einerseits unabhängig zu sehen und andererseits ergänzend heranzuziehen, aber eben nicht gleichzusetzen. Menschenrechte sind nicht identisch mit den Fanrechten. Man kann zwar alles aus diesen herleiten, aber hier verweise ich auf den verlinkten Spiegelartikel, indem die angemessene Teilhabe der Verbraucher eingefordert wurde. Sprich: die Herleitung von Fanrechten aus gängigen Rechtsnormen ist zwar möglich, doch sind diese weder identisch noch erschöpft sich die Diskussion darin, da es hier ja eben über individuelle Rechte Einzelner hinausgeht, sondern auch um gesellschaftliche Teilhabe einer ganzen Gruppe geht.

  4. Du kannst die geltenden Rechtsnormen nur aus allgemeinen moralischen Erwägungen herleiten, damit sie kein Unrecht werden – und ein totalisierter Funktionalismus oder Utilitarismus ist dieser Herleitung bzw. Begründung aus moralischen Prinzipien heraus gegenüber widersprüchlich. Und den Fall haben wir hier; ebenso im Falle von „Gefahrengebieten“ oder Platzverweispraktiken. Da mutiert ein vermeintlicher Rechtsstaat schnell zum Unrechtsstaat, wenn er das ignoriert, weil das, was die Verfahren legitimiert, die ihn idealerweise auszeichnen, ignoriert wird. Das war vor zwei Jahren aber nicht anders, deshalb wüsste ich nicht, was da nun zu differenzieren wäre. Außer, dass 500 da noch genehm waren, aber so what.

    Es ist aus dieser Perspektive schnurz, ob Corny da „Türen geöffnet“ hat oder nicht, weil er für das Verhalten der Exekutive nicht verantwortlich gemacht werden kann, das ist die immer noch selbst. Und die eine oder andere MitdiskutantIn tarnt erfreuliche Lernprozesse als Differenzierung. Was schade ist.

    Es gibt keine speziellen „Fanrechte“, die nicht von allgemeineren abgeleitet wären.

    • Die Herleitung aus den allgemeinen Rechten ist aus juristischer Sicht nichts Neues, aber auch nicht so zwingend nachvollziehbar, wie man vielleicht meinen könnte. Hier denke man nur an die Herleitung des Rechtes auf Informelle Selbstbestimmung aus den Grundrechten der Menschenwürde und der freien Entfaltung der Persönlichkeit – es braucht keine genaue schriftliche Fixierung für irgendwelche Rechte, diese können aus allgemeinen juristischen Gedanken aus grundlegenden Rechten hergeleitet werden.

      Für mich spannend ist hier in diesem Zusammenhang letztlich die gesellschaftliche Frage: wem gehört Fußball? Die Vereine und die Sportverbände scheinen die Auffassung zu haben, daß es ihr Produkt wäre und grenzen dabei die Zuschauer vollkommen aus, weisen ihnen die alleinige Rolle des Konsumenten/Kunden zu. In meinen Augen muß man die Frage der Fanrechte eben auch und gerade an diesem Punkt diskutieren – als Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichem Gesamtgebilde Fußball. Natürlich nicht ohne Pflichten wie Zahlung von Eintrittsgeldern und sozial akzeptables Verhalten (Verletzung/Gefährdung anderer hat halt zu unterbleiben – wobei Sanktionen bei Verstößen nicht auf einen willkürlich totalen und endgültigen Verlust dieser Rechte hinauslaufen dürfen).

      Der Staat verdient ebenfalls am Fußball mit, möchte aber immer mehr Einfluß und gleichzeitig noch mehr vom Gewinn abhaben, indem er Arbeitsplätze bei sich schafft, die von den Vereinen und damit auch den Zuschauern bezahlt werden sollen. Gleichzeitig will er durch immer schärfere Ausformulierung der Vorschriften erreichen, daß die Vereine, Verbände und Fans sich ihm unterordnen – die immer größere gesellschaftliche Gewichtung des Staates also anerkennen. Bei nicht dem entsprechenden Verhalten werden immer härtere Sanktionen ausgesprochen, um die Macht des Staates zu demonstrieren, bis hin eben zur (aktuell nur gedachten) Androhung des Extremes, den Fußball an sich verbieten zu können, wenn staatliche Interessen dem entgegen stehen.

      Hiergegen gilt es sich zu wehren und da sind wir wieder beim juristischen Ausgangspunkt, denn vor Gerichten kann das staatliche Verhalten in diesem Prozeß hintefragt und angegriffen werden. Aber auch durch politische Veränderung beispielsweise durch Wahlen kann eine Umkehrung dieses Prozesses angestrebt werden – zumindest theoretisch, doch glaube ich aufgrund der Manipulation der Massen nicht wirklich an eine solche Möglichkeit (Fans = gefährlich = Freischein für den Staat funktioniert politisch eben leider immer).

      Was die Vorgeschchte mit Littmann anbelangt, so sehe ich hier weniger eine Ursache, damals sind vielleicht manche Ideen entstanden, doch Rechte gingen da nicht verloren. Ob man damals hätte kämpfen müssen wie heute und sich nicht verhandelnd auf einen Vergleich einläßt, das ist halt eine Frage, die zu stellen wenig zielführend ist, eben da man heute nicht mehr die Vergangenheit ändern kann. Es geht um die aktuelle Situation und wie die Vereinsführung heute handelt, das verdient meine Zustimmung (was ja nicht immer so war aber auch das zählt hier nicht). Jetzt geht es darum, diesen Kampf auszufechten.

  5. Na ja, eine juristische Sicht war die meine ja nun gerade nicht, das ist die rechtsphilosophosche Begründungsfrage, und wir zwei sind uns sowieso völlig einig 🙂 – die nach „Rechten“ und wer sie wem warum gewährt oder entzieht oder wie auch immer ist ja nichtsdestotrotz eine ploitisch gewichtige. Was mir bei „Fanrechte“ manchmal nicht genug bedacht wird. Die marxistische Kritik auch sozialdemokratischer Konzeptionen von Rechten (z.B. auf staatliche Unterstützung im Falle der Arbeitslosigkeit) operiert halt immer damit, dass es der zu kritisierende Nationalstaat sei, der diese Rechte gewährt oder entzieht, dass dieser zugleich die ungerechte Eigentumsordnung absichere – und was dabei dann raus kommt, kann man an der Priorität des Fernsehens und der zunehmenden Entrechtung derer im Stadion beobachten. Was dann heißt, dass man Kriterien braucht, die nicht dem Rechtsstaat selbst immanent sind, um kritisieren zu können, was der treibt. Das macht der Papst aber auch auch, wenn er vormodernes und vordemokratisches Naturrecht in Anschlag bringt. Und im Falle von „Fanrechten“, die ich ja ganz wie Du sehe, ist die Frage, was einen da vom Papst unterscheidet, will man nicht einfach nur dezisionistisch oder traditionalistisch argumentieren.

    Das sind ein paar 1000 Jahre Geistes- und Realgeschichte, die sich in solchen Fragen verbergen. Die aber irgendwie beim Thema eine Rolle spielen, es gibt ja auch Leute, die bei solchen Themen dann anfangen zu berichten, wie ihr Vater sie erzogen hat, und in diesem Paradigma wäre die „Verbotsverfügung“ legitimer Stubenarrest. Wieder andere meinen, vor zwei Jahren wäre das ja alles ganz anders gewesen und zudem noch völlig richtig wegen der vielfältigen Verfehlungen der Rostocker. Diese argumentieren nun auf einmal ganz anders, und das freut mich ja. Ich sehe den Unterschied zu vor zwei Jahren nicht auf der prinzipiellen Ebene.

    • Ein Jurist kann es sich auch immer einfach machen, denn vom Allgemeinen auf das Besondere kann man ebenso auch umgekehrt folgern, quasi ergebnisorientiert – will man beispielsweise ein Rechtsgebilde haben, theoretisiert man dieses, verallgemeinert man den Gedanken und bringt ihn in Übereinstimmung mit anderen allgemeinen Gedanken. So können Rechtskonstrukte entstehen, die dann Gültigkeit entfalten und quasi Gesetzescharakter oder sogar Grundrechtsqualität entfalten. Dazu muß man kein Naturrecht oder übersinnliche Kräfte bzw. eine übergeordnete Moralität heranziehen – das fällt quasi noch unter Rechtsfortbildung. Die Frage ist nur, welche Rechtsgedanken man bei dieser Ausbildung bzw. Fortbildung von Recht man heranzieht und ob man sich dabei noch auf der Grundlage der Ordnung bewegt, die die Gesellschaft anerkennt und die sich mit den quasi überstaatlichen Menschenrechten decken.

      Hatte ich schon einmal darauf hingeweisen, daß es reichlich theoretisch geworden ist? 😉

      Konkret im vorliegenden Fall (Polizei gegen FCSP) haben wir eine ordnungsrechtliche Verfügung einer Sicherheitsbehörde – juristisch eine reichlich fragwürdige Konstruktion, die aber gleichzeitig als gültig angesehen wird (über diesen Punkt lohnt ein Streit nicht wirklich, jedenfalls nicht für diesen Fall). Wir bewegen uns hier ja auf einem rechtlichen Boden, der VOR dem Grundgesetz geschaffen wurde und „irgendwie“ in die neuere Zeit herübergerettet wurde. Dabei wird aber auch deutlich, daß wir es letztlich mit einem preußischen Sinn von Recht und Ordnung sowie einem Obrigkeitsstaat zu tun haben, der sich darüber Geltung verschaffen will. http://de.wikipedia.org/wiki/Polizei-_und_ordnungsrechtliche_Generalklausel ist durchaus eine lohnende Lektüre in Kurzform.

      Von den rechtlichen Bedenken bei der Anwendung dieser Norm im speziellen Einzelfall hier einmal abgesehen (die Frage der Verhältnismäßigkeit, insbesondere der anderweitigen Möglichkeiten wie personalisierte Tickets und dergleichen dürfte der Knackpunkt in juristischer Hinsicht werden), ist aber auch die Ausformung der gesellschaftlichen Verhältnisse ÜBER DAS POLIZEIRECHT ein enormes Problem. ERLAUBT IST, WAS NICHT STÖRT ist unerträglich, wenn man bedenkt, daß menschliche Interessen ständig miteinander ringen und dabei natürlich auch Reibungspunkte entstehen und eine „allgemeine Sicherheit“ im Sinne einer Abwesenheit von allen Verstößen gegen die Rechtsordnung nicht nur unmöglich zu erreichen ist, dies wäre auch das Ende der freiheitlichen Grundordnung. Ein Polizeistaat schützt letztlich nur seine eigene Macht und nicht die Bürger, die allesamt als (potentielle) Störer angesehen werden. Und wo schon die Möglichkeit ausreicht, daß eine Störung vorliegen könnte, um Beschränkungen im Polizeirecht auszusprechen, da sollte man als Bürger IMMER ganz genau hinsehen.

      http://www.publikative.org/2012/03/11/ultras-wer-mit-dem-feuer-spielt/ ist hier auch sehr lesenswert, habe ich oben aktualisiert.

  6. Ja, ich sach doch, dass wir uns weitestgehend eming sind 🙂 – nur dass Du ja auch eine außerrechtliche Moralität in Anspruch nimmst. Und dass jene, die sich selbst als „Law & Order light“ begreifen, ja nun auch mal anfangen, sich über „Law and Order“ Gedanken zu machen statt über mögliche pädogogische Parameter in der Kindererziehung oder nicht enden wollende, ego-zentrierte Opferinszenierungen im Falle von „Zwangssolidarisierung“. Und das ist ja ein echter Fortschritt. Irgendwie sind Verein und Fanszene, glaube ich, in den letzten 2 Jahren einen Schritt voran gekommen, zumindest soweit es die veröffentlichte Meinung aktuell betrifft. Und auch wenn manche das noch zu verbergen suchen.

    • Weniger außerrechtlich, als vielmehr eine nicht primär im rechtlichen zu verortendenden Moral. Gesellschaftliche Teilhabe ist ja nicht wider das Recht, sondern eben ein davon zu trennendes Thema mit Überschneidungen. Ich will den Focus hier nicht allein auf die rechtliche Betrachtung legen, da darüber die gefestigten Positionen eher gestärkt werden. Mir geht es nicht darum, die Rechtsordnung an sich auf den Kopf zu stellen oder diese anzugreifen, sondern die konkrete Ausgestaltung, die in der öffentlichen wie rechtlichen Wahrnehmung vorherrscht, zu erweitern, indem die bislang außer Acht gelassenen Gruppen stärker berücksichtigt werden. Da das Recht aber eh nur eine scheinbare Logik und Stringenz aufweist, was sich bei näherer Betrachtung eher als die sinngemäße Anwendung desselbern herausstellt und man den dahinter liegenden Sinn betrachten kann, ist das Recht so gesehen selber außerrechtlich. Wobei es jetzt wirklich sehr weit geht… 😉

      Wir sind uns ja fast zu einig, um wirklich zu diskutieren, aber den oben angeführten link, den ich auch in den Blogbeitrag gepackt habe, verdeutlicht ja, wie wichtig diese Gedanken an sich sind. Wenn man der aktuellen Law&Order-Argumentation nicht entschieden entgegen tritt, dann überläßt man gerade den Falschen den Raum.

      Daß es immer noch mehr als genügend einfach gestrickte Mit-denFinger-auf-andere-zeigen Argumentationen gibt, sieht man leider daran, daß die Ereignisse um die Aussperrung von damals immer noch hochgekocht werden und sich lieber damit beschäftigt wird, als mit den wirklich drängenden Problemen.

  7. Als bequeme Haupttribünensitzer sieht man die Situation damals wahrscheinlich etwas entspannter als die, die mittendrin waren. Wenn damals aber vergleichend mit heute verknüpft wird -so wie es vielerorts geschehen ist- kommt diese mehr als unangenehme Erinnerung selbstverständlich wieder hoch, insbesondere, wenn über eventuell zu ergreifende Maßnahmen gesprochen wird. Die Differenzierung, um die es mir ging, ist kein getarntes plötzlich erwachsendes Verständnis der Fanrechte und Gewaltsituation, sondern schlichtweg der Unterschied zwischen „damals“ und „heute“.

    Die Ereignisse damals werden von der Law-and-Order-(Light)-Fraktion deswegen auch heute noch hochgekocht, weil sie ein tiefer Einschnitt ins Fanverhältnis untereinander waren und sich daran auch nichts geändert hat. Da darf ich nicht nur für mich sprechen, tue es aber an dieser Stelle. Das Zusammenwachsen ist eine temporäre Angelegenheit, die sich genauso schnell wieder umkehren kann. Wie das immer ist beim FC St. Pauli.

    • Exkurs in die Vergangenheit: Die Aussperrung damals habe ich nur indirekt mitbekommen, insofern fehlte natürlich eine direkte Betroffenheit. Meine Kritik daran bezog sich damals vor allem auf den Zwang, der nach außen als Freiwilligkeit verkauft worden war – wenn schon Aussperrung, dann hätte man dazu stehen sollen (ohne eine solche damit an sich zu rechtfertigen, aber das war eben ein doppelter Fehler). Doch nach diesem Ereignis kam nach einigen Überlegungen ja auch ein Statement, welches ich als wirklich positiv empfunden habe. Für mich war dann nach einigem hin und her die Angelegenheit erledigt – eben auch, weil sich dies nicht wiederholte. Lediglich der Umstand, daß von den Ausgesperrten teilweise extrem unerträgliche Dinge gesagt wurden, war für mich NACH dieser Verarbeitung noch ein Thema, denn das ging ebenfalls nicht (ohne das eine gegen das andere aufzurechnen).

      Exkurs in die Zeit danach bis heute: Leider haben viele diese Verarbeitung nicht so wie ich vollzogen, sondern machten (zumeist allein) USP (waren ja noch andere Gruppen) immer und immer wieder bei jeder sich bietenden Gelegenheit deswegen Vorwürfe. Das zieht sich ja seitdem wie ein roter Faden durch die Ultra-Hasser bei uns. Manchmal frage ich mich, ob das letztlich allein ein Generationsproblem ist und die vom Alter her so weit entfernten einfach als „zu anders“ wahrgenommen werden, als daß sie akzeptiert werden könnten – scheint bei einigen jedenfalls so zu sein, aber ich kann ja auch nicht in deren köpfe gucken.

      Heute immer noch auf diesen Vorfall anzuspielen, als wäre er gerade gestern passiert oder würde wieder bevorstehen, das kommt mir wahrlich übermäßig nachtragend vor. Für ein gutes Miteinander ist dieses ewige Nachtragen jedenfalls ebenso schädlich wie die Aussperraktion von damals – in meinen Augen.

      Die Süd ist nicht für alle Zeiten „auf Bewährung“ am Millerntor, sie sind Teil unserer Fanszene und ich mag vieles, was von dort kommt. Nicht alles, aber das betrifft nicht allein die Süd und hat mit dem Vorfall auch nichts mehr zu tun.

      Ich bin für weitaus mehr „miteinander“, denn die Alternative von gegenseitig irgendwann nicht mehr miteinander redenden und agierenden Tribünen will ja wohl niemand.

      Natürlich war ich damals nicht live bei der Aussperraktion dabei (sondern weit weg auf der Nord), aber ich glaube nicht, daß ich das anders heute sehen würde, wenn ich damals vor der Süd gestanden hätte – nur ist das eine Vermutung, logischerweise.


One Trackback/Pingback

  1. […] mußte die Anbringung dieses Plakates noch desorganisiert werden. Schon im vorigen Blogeintrag https://kleinertod.wordpress.com/2012/03/08/fcsp-gegen-1860-den-dfb-die-polizei-den-modernen-fusball-… hatte ich auf die immer weiter zunehmenden Sicherheitsphantasien und -maßnahmen hingewiesen und […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: